HERBERT KLINGST

Ausstellung vom 5. Dezember 2018 bis zum 31. Juli 2019
18. Oktober 1913 geboren in Freiberg/Sachsen 1920 – 1933 Besuch der Volksschule in Freiberg und der weiterführenden Schulen in Thüringen und auf Spiekeroog 1933 – 1939 Studium der Kunstpädagogik, Kunstgeschichte und Geographie an den Kunstakademien und Universitäten in Leipzig und Dresden. 1939 – 1944 Einzug in die Wehrmacht. 1944 – 1948 Britische Kriegsgefangenschaft, Entlassung 1948 September 1948 Heirat mit Irmgard KlienebergerGeburt der vier Kinder in den 1950er Jahren 1948 – 1951 Referendariat und Lehramtstätigkeit in Hannover 1951 – 1976 Lehramtstätigkeit am Gymnasium Adolfinum in Bückeburg Bis 1984 lebte Herbert Klingst in BückeburgEr engagierte sich in dieser Zeit unter anderem beim Bund deutscher Kunsterzieher, war Vorsitzender des Vereins „Schaumburger Künstler“ und war Vorsitzender im Kulturausschuss des Rates der Stadt Bückeburg 1984 – 1998 Alterswohnsitz im südfranzösischen Ort Les Angles bei Avignon 29. Dezember 1998 Gestorben in Avignon/Provence

Ausgewählte Werke

Herbert Klingst, Burg Sternberg (Weserbergland), um 1956
Während seiner Bückeburger Zeit (1951-1984) war Herbert Klingst nicht nur durch seine Unterrichtsverpflichtungen und ehrenamtlichen Tätigkeiten in Anspruch genommen. Schon seit den 1950er Jahren war er auch an der Volkshochschule in Bückeburg tätig, wo er zahlreiche kunstgeschichtliche Vorträge hielt sowie Zeichen- und Malkurse gab. Muße und Zeit für eigenes künstlerisches Schaffen beschränkten sich daher überwiegend auf die Schulferien. Als Motive für seine Bilder wählte Klingst in dieser Zeit nicht nur ihn reizende Reiseeindrücke, sondern auch verschiedenste Ansichten und Gebäude in Bückeburg selbst sowie in dessen engerer und weiterer Umgebung. Das begann bei Motiven direkt vor der Haustür der jeweiligen Wohnungen der Familie Klingst in der Schulstraße (1951-1953), im Straußweg (1953-1955), an der Marienstraße (1955-1967) und an den Fischteichen (1967-1984). Ein Beispiel hierfür ist die ausgestellte „Villa im Schnee“ in der Marienstraße 21, die Klingst 1956 aus der eigenen Wohnung im gegenüberliegenden und später abgerissenen Haus Marienstraße 3 zeichnete. In zwei weiteren ausgestellten Werken aus den 1960er Jahren ist der Blick aus dem Zeichensaal des alten Adolfinums in der Ulmenallee in Richtung der Stadtkirche festgehalten. An den ausgestellten Beispielen Bückeburger Motive von den 1950er Jahren bis in die frühen 1980er Jahre lässt sich deutlich die stilistische Entwicklung Klingsts vom eher expressiven zu einem ruhigeren und detaillierteren Strich nachvollziehen, die ihre volle Ausprägung im französischen Spätwerk erfahren hat.
Ein Leben als Lehrer und Künstler
Ein Großteil der Werke von Herbert Klingst ist auf Reisen entstanden. So nahm er unter anderem im Sommer 1937 als Student an einer geographischen Exkursion nach Ostpreußen teil. Im Anschluss an diese Exkursion reiste er dort noch für einige Zeit allein durchs Land, wobei zahlreiche Bilder entstanden. Von dieser Reise stammen einige der frühesten Werke dieser Ausstellung, unter anderem das Aquarell „Abziehendes Gewitter am Frischen Haff“ und das Pastellbild „Haus am Frischen Haff“. Schon in Klingsts Frühwerk sind Natur- und Ortslandschaften seine bevorzugten Motive; eine Vorliebe, die er bis in sein Spätwerk beibehalten hat. Das gilt somit auch für die mittlere Phase seiner stilistischen Entwicklung, die hier durch einige typische Aquarelle aus den 1950er Jahren repräsentiert wird. Diese Phase ist durch einen vergleichsweise heftiger-expressiven und stärker stilisierenden Duktus gekennzeichnet. Herbert Klingst war allen aktuellen Kunstentwicklungen gegenüber sehr aufgeschlossen, was sich zum Beispiel am Besuch aller Documenta-Ausstellungen zeigte, zu denen er zum Teil auch Schulklassen mitnahm. Er selbst blieb allerdings in seiner künstlerischen Arbeit immer der konkreten Auseinandersetzung mit der realen natürlichen und menschengemachten Umwelt verpflichtet und insofern ein „Realist“. Dies zeigen auch alle seine Werke, die seit den 1950er Jahren bei seinen zahlreichen Reisen in die verschiedensten Gegenden Deutschlands (Harz, Erzgebirge, Norddeutschland, Ostsee, Oberbayern) und in viele europäische Länder (England, Dänemark, Holland, Spanien, Italien) entstanden sind.
Ausstellung „Herbert Klingst“ 5. Dezember 2018 bis 31. Dezember 2019 im Museum Bückeburg Leitung: Dr. Anke Twachtmann-Schlichter Idee und Recherche: Dr. Dieter Hanauske Text: Dr. Dieter Hanauske Bilder: Sammlung Hanauske Ein herzlicher Dank geht an Herrn Dr. Dieter Hanauske für die Bereitstellung der ausgestellten Bilder aus seiner Privatsammlung. Gestaltung: Nadine Werel, Manfred Würffel Bildbearbeitung und Animation: Wolfgang Prägler
Museum Bückeburg Lange Straße 22 31675 Bückeburg
Öffnungszeiten: Mittwoch bis Sonntag 13.00 bis 17.00 Uhr
Telefon: 05722 / 4868 Fax: 05722 / 8906842 info@museum-bueckeburg.de
IMPRESSUM & DATENSCHUTZ
Herbert Klingst, Rhôneblick im Herbst (Les Angles), 1984
Herbert Klingst, Park in Bückeburg (Palaisgarten), um 1955/56
„Seit jeher konnte ich nur selten sofort von der Stelle weg loszeichnen und bedurfte einer Anlaufzeit und animierender Umstände zur Konzentration.“ So charakterisierte Klingst die notwendigen Bedingungen für seine künstlerische Arbeit. Diese Bedingungen fand er an seinem Alterswohnsitz in der Provence vor. Im Jahr 1979 kauften Herbert und Irmgard Klingst ein altes Haus im Dorfkern von Les Angles, in das sie 1984 umzogen. In diesem Dorf, in der Nachbarstadt Avignon und in der provenzalischen Umgebung entstanden bis zum Tod des Künstlers im Jahr 1998 etwa 140 Werke: Aquarelle, Pastelle, Ölbilder und zahlreiche Bleistiftzeichnungen. Er selbst hat geschrieben, dass er dort „auf Schritt und Tritt mich ansprechende Motive“ finde. Vor allem die altmeisterlich anmutenden Bleistiftzeichnungen zeugen von einer intensiven künstlerischen Auseinandersetzung mit den ausgewählten Motiven. Im Zentrum steht dabei das Dorf Les Angles selbst, das er als Gebäude-Ensemble oder in einzelnen Ausschnitten immer wieder und aus den verschiedensten Blickwinkeln gezeichnet hat. In der Ausstellung ist sowohl eine Zeichnung des Dorfbildes zu sehen, als auch ein Beispiel für die zeichnerische Auseinandersetzung mit der unmittelbaren Nachbarschaft in dem Bild Akazienschatten an unserer Balkonwand“. In den farbigen Arbeiten des Spätwerks scheint das Licht der Provence die Palette aufgehellt zu haben, wie unter anderem das Ölbild vom Papstpalast in Avignon aus dem Jahr 1992 deutlich macht.
Foto der Familie Hüting etwa aus dem Jahr 1905. Ganz links steht Anna Hüting hinter ihrer Mutter Caroline, daneben Vater August Hüting. Bruder August steht hinter dem Großvater, der auch August Hüting hieß. Ganz rechts sitzt Schwester Marie vor ihrem Mann August Geller und mit ihren Kindern Hans, Gretel und Marie.
Museum Bückeburg Lange Straße 22 31675 Bückeburg
Öffnungszeiten: Mittwoch bis Sonntag 13.00 bis 17.00 Uhr
Telefon: 05722 / 4868 Fax: 05722 / 8906842 info@museum-bueckeburg.de
KAISERTAGE
Die Meldung vom Kaiserbesuch setzte Anfang Januar 1889 die kleine Residenzstadt Bückeburg und ihre Umgebung in freudige und erwartungsvolle Erregung. Vor allem Mindener nutzten die Erlaubnis der Behörden und überquerten die nahe Landesgrenze. Fünf Sonderzüge brachten genau 6658 Kaiserfreunde nach Bückeburg. Die Fahrzeit betrug 13 Minuten. Auch aus Rinteln, Obernkirchen und der Grafschaft Schaumburg kamen Besucher. Alle Hotels und sonstigen Schlafplätze waren belegt. Die Stadt war geschmückt mit Fahnen, Girlanden und Lampions. Dicht gedrängt standen die Menschen an den Straßen und warteten auf den Kaiser. Ein Fackelzug zum Schloß wurde organisiert, um dem hohen Besucher und auch dem Landesherrn Ehre zu erweisen. Auch Bauern in der üppigen Landestracht waren dabei.

Kaiser Wilhelm II. zum Besuch in

Bückeburg 1889

Ausstellung vom 18. Juli 2018 bis zum 18. November 2018
Der junge Kaiser Wilhelm war für viele ein Hoffnungsträger. Man traute ihm zu, das Deutsche Reich zu einigen und als europäische Großmacht zu etablieren. Die kaiserliche Familie erschien vorbildlich und wurde Motiv der wachsenden Foto- und Bildkitsch- Produktion. Heldenmaler und Ruhmespoeten hatten Hochkonjunktur. Fürst Adolf I. Georg war 71 Jahre alt, als der Deutsche Kaiser ihn besuchte. Wilhelm II. (*1859  +1941) war nach dem frühen Tod seines Vaters gerade erst in Amt und Würden gelangt. Dass er seine Antrittsreise durch die Deutschen Länder in Schaumburg-Lippe begann, empfand man hier als große Ehre. Die Jagd im Schaumburger Wald war für den Kaiser gut vorbereitet. Die Hirsche hatte man durch Fütterung in ein Gatter gelockt, aus dem nur die jüngeren Tiere entkommen konnten. Am Jagdtage trieb man sie dann mehrfach vor dem kaiserlichen Ansitz hin und her, bis der hohe Herr des Schießens müde wurde. 31 Hirsche schoss er, darunter einen Sechzehnender, acht Vierzehnender und vier Zwölfender. Nach drei Tagen war der Spuk vorbei. Insgesamt 111 Wildtiere blieben auf der Strecke. Der Kaiser bestieg gegen 19 Uhr seinen Sonderzug. Ohne Halt war er um Mitternacht schon wieder in Berlin.
Anna Hüting lebte mit ihrer Familie in der Bahnhofstraße Nr.27. Sie war mit 16 Jahren die Älteste von drei Kindern. Bruder August (10 Jahre) und Schwester Marie (14 Jahre) gingen noch zur Schule. Anna half ihnen bei den Hausaufgaben. Die Mutter Karoline geb. Haake (*1850  +1918) führte den Haushalt, in dem auch ein Dienstmädchen beschäftigt war. Vater August Hüting (*1846  +1931) war ein anerkannter Zimmermann und Baumeister, der in Bückeburg mehrere Villen gebaut hat und der von 1893 bis 1898 am Bau des „Palais“ beteiligt war. In seiner Todesanzeige wird er als Mühlenbesitzer bezeichnet. Das irritiert ein wenig, bis man sich klar gemacht hat, dass ein Mahlwerk und ein Sägewerk mit dem gleichen Antrieb arbeiten, in diesem Falle einer Dampfmaschine. Als Erinnerung an die aufregenden Ereignisse im Januar 1889, begann die sechzehnjährige Anna Hüting ein Tagebuch zu schreiben. Tag für Tag notierte sie, was sie erlebt hatte, als Kaiser Wilhelm II. zu Besuch in Bückeburg war. Das Aufschreiben muss ihr gefallen haben. Denn sie schrieb weiter als das Leben in der kleinen Stadt wieder ruhig und alltäglich verlief. Bis zum 17. August 1890 reichen ihre Notizen, dann war das Büchlein voll. Wahrscheinlich hat sie sich ein neues Schreibbuch besorgt und weiter geschrieben. Weitere Tagebücher von ihr sind jedoch nicht überliefert. Dass ihr Tagebuch einmal im Museum aufbewahrt würde, konnte Anna Hüting nicht ahnen. Vielleicht hätte sie gar nicht so unbekümmert mit dem Schreiben begonnen, wenn sie gewusst hätte, dass ihre Notizen Generationen später von fremden Menschen gelesen werden. Ein Tagebuch ist eine ganz private Angelegenheit. Es offenbart Persönliches und Familiäres und sollte mit großem Respekt behandelt werden. In jedem einzelnen Leben drückt sich immer auch ein Stück Zeitgeschichte aus. Oder anders herum: Geschichte ist die Summe vieler Einzelschicksale. Deshalb sind Tagebücher und andere persönliche Erinnerungsstücke für Museen interessant. Wenn Andenken und Erbstücke in der Familie nicht mehr weiter gegeben werden können, dann ist das Museum der richtige Ort dafür – auf jeden Fall besser als der Flohmarkt oder der Müll.
Hier ist der Tagebuchtext zu den Kaisertagen. Die Schreibweise von Anna Hüting wurde beibehalten:
Dienstag, 15.1.89 Gestern stand ich früh auf, ging in den Keller, denn wir wuschen und half mit, hänkte mit auf, frühstückte, machte oben fertig, zog mich an und ging in die Stadt, um noch Seidenpapier zu holen. Deckte den Tisch, aß und machte mit Marie und Mutter Rosen bis 3, dann tranken wir Kaffee, Johanne Gumpel und Frau Fiedeler kamen. Etwas nach halb 4 gingen wir fort. Die Häuser waren alle wunderschön geschmückt, die ganze Langestraße herauf war eine Tannenallee mit 3 Fahnen an einem Baume. Auf der Bahnhofstraße waren mit Guirlanden um-wickelte Fahnenstangen, Guirlanden quer über die Straße, an denen Papier-laternen hingen; an den Fahnenstangen waren Glaslämpchen angebracht. Am Rathause und am Landgerichtsgebäude auch. Wir begegneten den Menschen, die vom Extrazuge kamen, riesig viel Vereine und auch eine unmenge Zuschauer. Wir gingen nach Brünings und sahen uns das Treiben von oben an. Um 6 wurden die Lämpchen und Ballons angezündet, Spalier gebildet, die Wagen fuhren nach dem Bahnhofe. Der Galawagen war ganz von geschliffenem Glas mit 1 Vorreiter, 2 Bedienten hinten drauf und 6 Pferden. Um halb 6 wurden die Lichter an-gezündet. Wir blieben bis ¾ 6 in der Stube und gingen dann auf die Straße. Nach ungefähr 10 Minuten verkündete uns lautes Hurra rufen die Ankunft unseres geliebten Kaisers; alle Glocken läuteten; auf den Bergen brannten Freudenfeuer. Ziemlich schnell fuhr er an uns vorbei; er grüßte grad nach unserer Seite hin, so daß ich ihn genau sehen konnte. Er hatte Uniform an, war groß, schlank, sehr blaß, mit einem kleinen Schnurrbart. Wir warteten dann bei Brünings, bis Mutter kam, um uns abzuholen. Es waren entsetzlich viele Menschen draußen, sodaß wir nur mit Not und Ellenbogen stoßen durchkommen konnten. Die ganze Bahnhof-straße war illuminiert, in der Bank waren statt der Fenster Transparente. Wir hielten uns jedoch nicht auf, sondern eilten schnell nach Haus und aßen. Um halb 8 stellte ich mich vor das Kammerfenster und sah hinaus. Gegen 8 ging ich in den Garten, wo ich die Fackeln und Laternen auf dem Kasernenplatze anstecken sah. Johanne Gumpel kam auch. Nach einiger Zeit gingen wir auf die Straße, wo wir uns mit Julius Gumpel famos unterhielten. Dann kam der Fackelzug. Voran die 15. Musikkappelle, Mindener Gymnasium, Kriegerverein, Gesangsverein, Feuer-wehr, städtische und freiwillige und Stadthägerfeuerwehr, Glasarbeiter, Bürger, Gymnasium, Bürgerschule und noch unzählige andere. Sie konnten lange nicht weiter kommen, da der Kaiser noch aß. Bis halb 10 mußten sie warten. Wir gingen bis zu der Kirche mit. Um ¾ 10 war ich wieder zu Hause. Mutter und ich warteten noch auf die anderen und schließlich gingen wir um halb 11 todtmüde ins Bett. Mittwoch, 16.1.89 Um halb 6 mußten wir schon Aufstehen, ich zog mich schnell an trank Kaffee, machte oben fertig, hatte einen großen Krach mit Großmutter, putzte die Fenster ab, sah aus dem Kammerfenster, fegte die Kammer. Dann kam Helene Müller, Frau Brüning mit ihren Kindern, und ihren 3 Brüdern, die mit uns auf die Tribüne gingen, Frau Meier und Emma, Stine und Engel, Klara, Johanne Gumpel und noch viele Andere stellten sich ein. Die Bergleute hatten in der Jetenburg Spalier gebildet, die Bauersfrauen, Schulen und Vereine auf der Langenstraße. Plötzlich, als keiner an Etwas dachte wurde Hurra gerufen und der Kaiser im Jagdanzuge mit dem glückstrahlenden Fürsten neben sich fuhr im Gallopp vorbei. Der Erbprinz mit dem lustigsten Gesichte von der Welt fuhr hinterher. Nach einiger Zeit kamen 300 Bauern auf schön geschmückten Pferden und im weißen Kittel an. Alle jubelten ihnen zu. Dann kam ein ungeheures Menschengedränge, auf das wir würdevoll von oben hinab sahen. Um ¼ 11 ging ich herein, frühstückte, schälte Lichter ab, freute mich über die Menschen, die trotz der eisigen Kälte, scharen-weise die Straßen singend, plaudernd, lachend durchzogen. Alle Gasthäuser sind besetzt, kein Essen ist mehr zu bekommen, heute Morgen ist noch ein Extrazug mit 2000 Personen gekommen. Machte mit August Unsinn, aß dann, brachte die Stube wieder in Ordnung, sah der Wache zu, die mit Musik aufzog und las dann. Um 3 kamen Schützen und Emma Holzmann, die mir einen Brief von Molli(?) brachte. Als sie fort waren, tranken wir Kaffee und gingen dann aus. Bei Judenhagen flüchteten die Bauersmädchen aus den Fenstern, denn die Bergleute fingen eine schreckliche Keilerei an. Wir besahen noch Radlof sein Ladenfenster, er hatte außer mehreren Statuen 2 wunderschöne Wappen(?) von Broschen und anderen Schmucksachen. Dann sagte Vater 3 Gensdarmen Bescheid, die nach Judenhagen eilten und dort die blutenden Kerle bei dem Kragen unter allgemeinem Gelächter heraus warfen. Wir gingen nun weiter. Sahen uns die Bahnhofstraße noch einmal an, dann die Ehrenpforte, die auch sehr schön war und den Schloßplatz. Der Galawagen war ausgestellt, so betrachteten wir ihn gründlich. An den 4 Ecken schwebten silberne Kronen, der Bock war erhaben, die Wände dunkelblau, inwendig war er von grauer Seide. Mutter und ich gingen dann die Langestraße herauf wo uns Johanne Gumpel aufgriff. Ich ging mit dieser noch eine Zeitlang hin und her. Ein unverschämter Mensch nahm ihr die Haarschleife und wollte sie gern behalten. Als er zurückkam flüchteten wir zu Ernst Hütings Haus. Lange Zeit stand er da und bat um die Schleife, schließlich schob er ab. Wir gingen noch einigemale auf und ab und sahen einen Menschen, dem das Blut nur so über das Gesicht lief und noch einen Andern zum Zuchthause ab-führen. Dann eilten wir auf unsere Tribüne, wo Klara, Helene, Brünings 3 Onkel und noch andere er-schienen. Wir sahen den Kaiser, der leider erst in der Dunkelheit zurückkam, sehr deutlich. Nachdem sich die Menschen etwas verlaufen hatten, gingen wir auf der Straße hin und her, denn alle Häuser waren erleuchtet. Schließlich gingen wir mit Vater und Mutter noch über die Langestraße, auch die Ehrenpforte besahen wir. Es war geradezu märchenhaft. Wir standen lange auf dem Marktplatz und sahen den Schloßplatz und die Bahnhofstraße und endlich gingen wir nach Hause, aßen und lasen dann bis 10, wo wir zu Bett gingen. Lange konnte ich nicht schlafen die Fahnenstange klapperte entsetzlich. Unser Kaiser hat im ganzen 36 Hirsche geschossen, das Gefolge fuhr aber erst nachmittags nach. 1 Tag ist nun schon vorbei, morgen Abend reist er schon wieder fort. Donnerstag, 17.1.89 Später aufgestanden, Rasch oben fertig gemacht, in der besten Stube auf den Kaiser gewartet, der leider über die Bahnhofstraße fuhr. Sein Gefolge machte in Branshof auf wilde Schweine Jagd und diese Herren sahen wir vorbeifahren. Ich half erst mit, zog mich dann um und strickte, indem ich nebenbei las. Um 12 aßen wir, nach dem Essen ging ich nach Tilli, dann nach Klara, wo mir fast eine Fahne auf den Kopf fiel, dann wandelte ich umher bis halb 3, wo ich Helene traf und mit dieser, Spanut und Nat Nat nach der Kaserne ging, um diese zu besuchen. Sie war sehr schön, vor der Thür waren an der einen Seite Tornister und Gewehre aufgestellt. An der anderen Seite hing auf grünen Tannen alles was zur Jagd nötig ist, zwischen den Fenstern waren Scheiben, Säbel, Pistolen, Gewehre angebracht. Dann ging ich auf unseren Zimmerplatz, während Helene und Tilli draußen blieben. Bald erschien auch Klara. Der Kaiser wurde von lautem Hurra rufen empfangen, er grüßte freundlich nach allen Seiten, kaum war er vorbei, als alles was Kopf und Beine hatte, nach der Schulstraße lief, um ihn dort noch einmal zu sehen. Klara, Helene und ich gingen dann in die Stadt, besahen das Schloß von der Stadtseite, wo es auch sehr schön war, freuten uns über die vielen Enten, die in der Schloßgraft saßen, bewunderten den Galawagen und gingen dann nach dem Bahnhofe. Das Denkmal war ganz bekränzt. Der Bahnhof eben-falls. Schöne Rosen, Kamelien und andere prachtvolle Blumen standen in den Fürstenzimmern. Wir zankten uns dann mit Helene und gingen allein zum Schloßthor, wo Onkel Hermann uns auf den Schloßplatz führte. Wir standen hier einige Zeit im dichten Gedränge und sahen uns die Menschen, besonders aber die Hirsche an, als sich der Kaiser am Fenster zeigte, begeistertes Hoch rufen empfing ihn, er lächelte, während die Erbprinzess lachte, was sie nur konnte. Dann gingen sie zu Tisch, wir standen bis 7 Uhr da, sangen, lachten und drängten. Dann erschien der Kaiser in seinen Gemächern am Fenster und schließlich kam er heraus, um die Hirsche zu besichtigen, wir waren alle ganz glücklich. Mayenteer Fackeln waren angezündet, die Jäger bliesen das Halilah, nach 10 Minuten ging er wieder hinein. Die Menschen zerstreuten sich; Klara und ich stellten uns bei der Schloßbrücke auf; bald kam er, der Fürst saß wieder neben ihm, er hatte blaue Husarenuniform an mit weißen Schnüren, lustig lachend, sodaß sein ganzes Gesicht erhellt wurde, grüßte er. Frl. Gisinske(?), Klara und ich liefen nun im vollen Gallopp die ganze Bahnhofstraße hinunter und kamen gerade noch früh genug, um den Zug zu sehen, dann wurde dem Fürsten noch ein Hurra ausgebracht und lustig gings wieder nach Hause. An dem Denkmal brannten Feuer, auf dem Hügel Pechkränze an der anderen Seite Tannenbäumen das Kreuz auf der Kirche leuchtete, alle Häuser auf der Bahnhofstraße waren wieder erleuchtet, die Lämpchen am Rathause und am Landgerichte brannten, desgl. die Lampions auf dem Bahnhof und auf der Straße zu Haus angekommen aßen wir, lasen und er-zählten uns noch einige Zeit was, bis wir gegen 10 begeistert zu Bett gingen. Freitag, 18.1.89 Die schönen Tage sind vergangen, jetzt kommt alles wieder ins alte Gleis, alle gehen ihrem Beruf wieder nach. Die Fremden sind verschwunden, Bückeburg und die Erinnerung sind aber noch da. Früh mussten wir aufstehen, oben fertig machen, Kammern fegen, frühstücken, noch allerlei helfen, dann umziehen. Dann setzte ich mich hin und schrieb, strickte und aß. Sah Marie ihren Th(?) nach, las und ging nach Tante Minna, wo wir sehr ausgelassen waren. Trank Kaffee, handarbeitete, aß, holte Klara und ging nach Helene. Beim Nachhausegehen neckten wir Klara so, daß sie ohne Gutenacht fortging.
Ausstellung „Kaisertage“ 18. Juli bis 18. November 2018 im Museum Bückeburg Leitung: Dr. Anke Twachtmann-Schlichter Idee und Recherche: Hilke Katharina Hecht Text: Manfred Würffel Gestaltung: Nadine Werel, Manfred Würffel Bildbearbeitung und Animation: Wolfgang Prägler Einige interessante Details zum Thema stammen aus Zeitungsartikeln von Wilhelm Gerntrup. Mit freundlicher Unterstützung der Schaumburger Landschaft.